Warum ich Frauen nicht viktimisiere
Kapitel Eins
Es gibt ein Thema, über das ich lange nachgedacht habe. Vielleicht sogar länger als über viele andere Themen, die Menschen beschäftigen, wenn sie sich mit toxischen Beziehungen auseinandersetzen. Denn immer wieder begegnen mir Frauen, die bereits einen langen Weg hinter sich haben, bevor sie den Weg zu mir finden. Sie haben Bücher gelesen, Podcasts gehört, unzählige Videos angesehen und häufig schon mehrere Therapien oder Coachings gemacht. Viele von ihnen haben sich mit Bindungsstilen beschäftigt, mit dem inneren Kind, mit Traumata und mit den unterschiedlichsten psychologischen Erklärungsmodellen. Das alles kann wertvoll sein. Wissen kann entlasten. Es kann Zusammenhänge verständlicher machen und dabei helfen, sich selbst besser zu verstehen. Trotzdem fällt mir immer wieder etwas auf.
Je mehr Frauen versuchen zu verstehen, warum sie in einer toxischen Beziehung gelandet sind, desto häufiger scheinen sie am Ende wieder bei sich selbst zu landen. Irgendwann sagen viele einen Satz, der mich jedes Mal tief berührt: „Mir wurde erklärt, dass meine Kindheit der Grund dafür ist.“ Und fast immer folgt danach ein zweiter Satz. Manchmal wird er ausgesprochen, manchmal bleibt er unausgesprochen und ist trotzdem deutlich spürbar: „Dann muss ja mit mir etwas nicht stimmen.“
#Genau an diesem Punkt beginnt für mich ein großes Problem.
Denn ich erlebe immer wieder, dass Frauen, die ohnehin schon jahrelang die Verantwortung für alles übernommen haben, plötzlich auch noch beginnen, die Verantwortung für den Beginn ihrer Beziehung zu übernehmen. Sie fragen sich, ob sie sich diesen Partner unbewusst ausgesucht haben. Ob sie alte Verletzungen wiederholen wollten. Ob ihre Kindheit sie in genau diese Beziehung geführt hat. Manche erzählen mir sogar mit sichtbarer Scham, dass sie glauben, sie hätten die Manipulation irgendwie angezogen. Dass sie vielleicht einfach nicht gesund genug gewesen seien, um einen liebevollen Menschen in ihr Leben zu lassen.
Wenn ich solche Sätze höre, macht mich das traurig. Nicht, weil ich glaube, dass unsere Kindheit bedeutungslos wäre. Natürlich ist sie das nicht. Jeder Mensch wird von seinen frühen Erfahrungen geprägt. Sie beeinflussen unser Vertrauen, unser Bindungsverhalten und den Umgang mit Nähe und Konflikten. Darüber besteht kein Zweifel. Aber ich glaube, wir müssen sehr vorsichtig sein, wie wir dieses Wissen weitergeben. Denn zwischen der Aussage „Unsere Kindheit kann Einfluss auf unser späteres Beziehungsverhalten haben“ und der Aussage „Du bist wegen Deiner Kindheit in einer toxischen Beziehung gelandet“ liegt ein gewaltiger Unterschied.
#Genau dieser Unterschied ist mir wichtig.
Ich möchte Frauen nicht noch eine weitere Last auf ihre Schultern legen. Die meisten tragen ohnehin schon viel zu viel. Sie haben jahrelang versucht, ihren Partner zu verstehen. Sie haben seine Wut erklärt, seine Ausbrüche entschuldigt, seine Verletzungen mit seiner Vergangenheit begründet und gehofft, dass genügend Liebe alles verändern würde. Sie haben Verantwortung übernommen, wo sie gar keine Verantwortung tragen konnten. Und wenn sie sich endlich Hilfe suchen, wünsche ich mir, dass sie dort nicht erneut hören, dass die eigentliche Ursache wieder in ihnen selbst zu finden ist.
Ich wünsche mir etwas anderes. Ich wünsche mir, dass Frauen zum ersten Mal erleben dürfen, wie es sich anfühlt, wenn ihnen jemand zuhört, ohne sofort nach einem Fehler in ihnen zu suchen. Dass sie verstehen dürfen, dass Mitgefühl, Loyalität, Geduld und die Bereitschaft, an einer Beziehung zu arbeiten, keine Schwächen sind. Es sind wunderbare Eigenschaften. Eigenschaften, die in einer gesunden Beziehung ein großes Geschenk sind. Erst wenn sie auf einen Menschen treffen, der sie ausnutzt, können sie zu einer Verletzlichkeit werden. Doch das macht sie nicht falsch. Und es macht schon gar nicht die Frau verantwortlich, die mit offenem Herzen geliebt hat.
Genau deshalb beginnt meine Arbeit nicht mit der Frage: „Was stimmt eigentlich mit Dir nicht?“ Sie beginnt mit einer ganz anderen Frage. Einer Frage, die für mich viel mehr Mitgefühl, viel mehr Wahrheit und viel mehr Hoffnung in sich trägt: „Was ist Dir passiert?“ Denn zwischen diesen beiden Fragen liegt eine völlig unterschiedliche Haltung. Und ich bin überzeugt, dass genau diese Haltung darüber entscheidet, ob ein Mensch sich am Ende schuldig fühlt – oder verstanden.
Kapitel Zwei
Je länger ich Menschen begleite, desto deutlicher wird mir, wie schnell wir in unserer Gesellschaft nach Erklärungen suchen. Das ist zutiefst menschlich. Wenn etwas Schlimmes passiert, möchten wir verstehen, warum. Wir möchten Muster erkennen, weil Muster uns das Gefühl geben, die Welt sei berechenbar. Vielleicht gibt uns der Gedanke Sicherheit, dass uns etwas nicht passieren würde, wenn wir nur alles richtig machen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir so gerne nach einer Ursache in der Vergangenheit suchen.
Denn wenn wir glauben, dass ausschließlich eine schwierige Kindheit dazu führt, in einer toxischen Beziehung zu landen, entsteht unbewusst auch eine beruhigende Vorstellung für alle, die sich selbst nicht betroffen fühlen. Dann scheint die Welt wieder geordnet zu sein. Dann glauben wir, dass uns so etwas nicht passieren kann, solange wir eine glückliche Kindheit hatten oder psychisch gesund sind. Ich glaube jedoch, dass genau diese Vorstellung gefährlich ist. Nicht nur, weil sie wissenschaftlich zu kurz greift, sondern weil sie den Blick auf das eigentliche Problem verstellt.
Toxische Beziehungen entstehen nicht allein aus der Geschichte der betroffenen Frau. Sie entstehen immer zwischen zwei Menschen. Zu einer Beziehung gehören zwei Persönlichkeiten, zwei Lebensgeschichten, zwei Arten, mit Konflikten umzugehen, und manchmal leider auch ein Mensch, der beginnt, Macht über den anderen auszuüben. Wenn wir ausschließlich nach den Ursachen bei der betroffenen Frau suchen, verlieren wir den Menschen aus dem Blick, der sich dafür entscheidet, Grenzen immer weiter zu überschreiten. Das empfinde ich als eine gefährliche Verschiebung der Verantwortung.
Mich beschäftigt oft eine andere Frage. Warum stellen wir Frauen so häufig diese Frage überhaupt? Warum fragen wir eine Frau, warum sie geblieben ist, warum sie Warnsignale nicht erkannt hat oder warum sie sich diesen Partner ausgesucht hat? Warum fragen wir so viel seltener, warum ein Mensch glaubt, das Recht zu haben, einen anderen zu kontrollieren, zu manipulieren, zu demütigen oder kleinzumachen? Diese unterschiedliche Perspektive fällt mir immer wieder auf. Und ich glaube, sie trägt dazu bei, dass viele Frauen sich noch lange nach der Trennung schuldig fühlen.
Natürlich ist es sinnvoll, sich selbst kennenzulernen. Es kann hilfreich sein zu verstehen, welche Bedürfnisse, Ängste oder Beziehungsmuster wir in uns tragen. Dieses Wissen kann uns helfen, in Zukunft bewusstere Entscheidungen zu treffen. Aber zwischen Selbsterkenntnis und Selbstbeschuldigung liegt ein großer Unterschied. Selbsterkenntnis macht frei. Selbstbeschuldigung hält Menschen fest. Deshalb achte ich in meiner Arbeit sehr darauf, dass wir diese Grenze nicht überschreiten.
Ich möchte Frauen nicht vermitteln, dass sie ihr ganzes Leben in ihrer Vergangenheit suchen müssen. Ich wünsche mir vielmehr, dass sie beginnen, ihrer eigenen Wahrnehmung wieder zu vertrauen. Dass sie lernen, ihre Grenzen ernst zu nehmen. Dass sie Warnsignale früher erkennen, ohne dabei ständig misstrauisch durch das Leben gehen zu müssen. Denn das Ziel ist nicht, in Angst vor jeder neuen Beziehung zu leben. Das Ziel ist, mit einem gesunden Vertrauen in sich selbst durchs Leben zu gehen.
Für mich beginnt Heilung deshalb nicht mit der Suche nach einem Fehler in der Vergangenheit. Sie beginnt in dem Moment, in dem eine Frau erkennt, dass sie nicht länger beweisen muss, warum sie verletzt wurde. Sie muss niemanden davon überzeugen, dass ihr Schmerz berechtigt ist. Sie darf aufhören, ihre Geschichte vor anderen zu verteidigen. Und sie darf beginnen, sich selbst dieselbe Freundlichkeit entgegenzubringen, die sie so lange allen anderen geschenkt hat.
Vielleicht ist genau das der größte Unterschied in meiner Arbeit. Ich suche nicht zuerst nach dem, was an Dir repariert werden muss. Ich suche nach dem Teil in Dir, der trotz allem gesund geblieben ist. Nach dem Teil, der noch immer fühlen kann, was richtig und was falsch ist. Nach dem Teil, der sich nach Ruhe, Sicherheit und einem liebevollen Leben sehnt. Denn ich bin überzeugt davon, dass dieser Teil niemals verschwindet. Manchmal wird er von Angst, Schuld und Selbstzweifeln überdeckt. Aber er ist noch da. Und genau dort beginnt für mich jede echte Veränderung.
Kapitel Drei
Es gibt noch einen weiteren Gedanken, der mir sehr am Herzen liegt. Ich höre oft den Satz: „Du bist Opfer einer toxischen Beziehung geworden.“ Ich weiß, dass dieser Satz meist mit Mitgefühl gemeint ist. Und natürlich stimmt es, dass ein Mensch Opfer einer psychischen oder körperlichen Gewalterfahrung werden kann. Das anzuerkennen ist wichtig. Es wäre falsch, Gewalt kleinzureden oder ihre Folgen zu relativieren. Doch gleichzeitig glaube ich, dass wir sehr achtsam damit umgehen müssen, welche Bedeutung wir einem Wort geben. Denn zwischen der Aussage „Du bist Opfer einer Gewalttat geworden“ und der Aussage „Du bist ein Opfer“ liegt für mich ein entscheidender Unterschied.
Warum? Weil das eine beschreibt, was einem Menschen widerfahren ist. Das andere beschreibt scheinbar, wer dieser Mensch ist. Und genau das möchte ich vermeiden.
Ich möchte nicht, dass Frauen sich über das definieren, was ihnen angetan wurde. Ich möchte nicht, dass die schlimmste Zeit ihres Lebens zu ihrer neuen Identität wird. Denn wenn wir beginnen, uns ausschließlich über unsere Verletzungen zu definieren, besteht die Gefahr, dass wir unbewusst auch beginnen, unser ganzes zukünftiges Leben durch diese Brille zu betrachten. Dann wird aus einer schmerzhaften Erfahrung langsam ein Selbstbild. Und genau das wünsche ich keiner Frau.
Ich sehe in meiner Praxis etwas völlig anderes. Ich sehe Frauen, die unglaubliche Stärke besitzen, obwohl sie selbst diese Stärke oft gar nicht mehr erkennen. Ich sehe Frauen, die über Jahre versucht haben, ihre Familie zusammenzuhalten. Frauen, die immer wieder Hoffnung hatten, obwohl sie selbst längst erschöpft waren. Frauen, die trotz Angst morgens aufgestanden sind, sich um ihre Kinder gekümmert, gearbeitet und nach außen funktioniert haben, obwohl sie innerlich kaum noch Kraft hatten. Ist das Schwäche? Nein. Für mich ist das Ausdruck einer enormen inneren Kraft – auch wenn diese Kraft manchmal in eine Richtung gegangen ist, die ihnen selbst geschadet hat.
Deshalb spreche ich lieber von Überlebensstrategien als von Schwäche. Jeder Mensch entwickelt Strategien, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Manche ziehen sich zurück. Andere kämpfen. Wieder andere versuchen zu vermitteln, zu erklären oder Harmonie herzustellen. Keine dieser Reaktionen entsteht zufällig. Sie alle sind der Versuch unseres Nervensystems, Sicherheit herzustellen. Das Problem ist nicht, dass wir solche Strategien entwickeln. Das Problem entsteht erst dann, wenn wir sie in einer Beziehung einsetzen, in der der andere Mensch sie immer wieder gegen uns verwendet.
Genau deshalb empfinde ich es als so wichtig, Frauen mit einem anderen Blick zu begegnen. Ich sehe keine kaputten Menschen. Ich sehe keine Frauen, die erst vollständig geheilt werden müssen, bevor sie wieder liebenswert sind. Ich sehe Menschen, deren Vertrauen verletzt wurde. Menschen, deren Grenzen immer wieder überschritten wurden. Menschen, die gelernt haben, sich selbst infrage zu stellen, obwohl sie allen Grund gehabt hätten, ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.
Für mich beginnt Heilung deshalb nicht mit dem Versuch, eine neue Identität aufzubauen. Sie beginnt damit, die alte wiederzufinden. Denn unter all den Selbstzweifeln, unter der Angst, unter der Erschöpfung und unter den Schuldgefühlen gibt es immer noch die Frau, die Du einmal warst. Die Frau, die lachen konnte, die neugierig war, die Entscheidungen treffen konnte, die sich selbst vertraut hat. Ich glaube nicht, dass dieser Teil verschwunden ist. Ich glaube, dass er über lange Zeit überdeckt wurde. Und genau deshalb ist Hoffnung für mich keine leere Floskel. Hoffnung bedeutet nicht, dass alles ungeschehen gemacht werden kann. Hoffnung bedeutet, dass das Erlebte nicht den Rest Deines Lebens bestimmen muss.
Das ist die Haltung, mit der ich Menschen begleite. Nicht, weil ich ihre Erfahrungen kleinreden möchte, sondern weil ich sie größer sehe als das, was ihnen widerfahren ist. Du bist mehr als Deine Geschichte. Mehr als Deine Verletzungen. Mehr als die Beziehung, die Dich so viel Kraft gekostet hat. Und genau daran möchte ich Dich erinnern, bis Du es irgendwann selbst wieder glauben kannst.



Genau So!♀️