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Kapitel 1 – Warum wir in toxischen Beziehungen landen und was unsereKindheit damit zu tun hat

  • Writer: Kirsten Hinz
    Kirsten Hinz
  • Jul 4
  • 2 min read

Ich kann Dir gar nicht sagen, wie oft Menschen vor mir sitzen und sagen: „Kirsten, ich

verstehe mich selbst nicht mehr.“ Es sind Sätze, die mich auch nach all den Jahren noch

berühren. Denn meistens sitzt mir dann kein schwacher Mensch gegenüber. Keine naive

Frau. Kein Mensch ohne Lebenserfahrung. Ganz im Gegenteil. Oft sitzen mir starke Frauen

gegenüber. Frauen, die Familien getragen haben. Frauen, die für ihre Kinder da waren,

Verantwortung übernommen und Krisen gemeistert haben. Frauen, die von ihrem Umfeld

als stark, zuverlässig und liebevoll beschrieben werden. Und trotzdem zweifeln sie an sich

selbst, weil sie so lange in einer Beziehung geblieben sind, die ihnen nicht gutgetan hat.

Wenn sie beginnen zu erzählen, höre ich oft dieselben Fragen. Warum habe ich die

Warnzeichen nicht gesehen? Warum habe ich immer wieder gehofft? Warum habe ich Dinge

entschuldigt, die ich bei anderen Menschen niemals entschuldigt hätte? Warum war es so

schwer zu gehen? Hinter all diesen Fragen steckt meist eine noch tiefere Frage: Was stimmt

nicht mit mir? Und genau dort möchte ich am liebsten sofort widersprechen. Denn die

meisten Menschen, die in toxischen Beziehungen landen, sind nicht zu schwach. Sie sind

nicht zu dumm. Sie sind nicht zu naiv. Häufig sind sie Menschen mit einem besonders

großen Herzen.

Viele Betroffene glauben lange, ihre Geschichte habe mit dem Partner begonnen. Mit dem

Kennenlernen. Mit dem ersten Streit. Mit der ersten Enttäuschung. Doch je länger ich

Menschen begleite, desto deutlicher wird mir, dass die Wurzeln oft viel tiefer reichen. Die

Geschichte beginnt häufig viele Jahre früher. Manchmal bereits in der Kindheit.

Kinder lernen nicht durch psychologische Theorien, wie Liebe funktioniert. Sie lernen durch

Erfahrungen. Durch Blicke. Durch Nähe. Durch Distanz. Durch Trost. Durch Schweigen.

Durch die Art, wie auf ihre Gefühle reagiert wird. Aus all diesen Erfahrungen entsteht nach

und nach ein inneres Bild davon, was Liebe ist und wie Beziehungen funktionieren.

Wenn ein Kind erlebt, dass seine Gefühle willkommen sind, dass jemand bleibt, wenn es

traurig ist, und dass Fehler nichts an seiner Liebenswürdigkeit verändern, entsteht meist

ein tiefes Gefühl von Sicherheit. Doch nicht jedes Kind wächst mit dieser Erfahrung auf.

Manche Kinder lernen früh, dass sie funktionieren müssen. Manche lernen, dass sie stark

sein müssen. Manche lernen, dass ihre Bedürfnisse zu viel sind oder dass Harmonie

wichtiger ist als Ehrlichkeit.

 
 
 

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