EMDR – Warum ich immer wieder davon beeindruckt bin
- Kirsten Hinz
- Jul 4
- 3 min read
Wenn ich heute auf die vielen Menschen zurückblicke, die ich in den vergangenen Jahren begleiten durfte, dann fällt mir auf, dass die meisten nicht deshalb zu mir gekommen sind, weil sie nicht verstanden hätten, was in ihrem Leben passiert war. Im Gegenteil. Viele konnten ihre Geschichte sehr genau erzählen. Sie wussten, warum sie Ängste entwickelt hatten, warum sie sich ständig selbst infrage stellten oder weshalb sie auch Jahre später noch unter bestimmten Erinnerungen litten. Sie hatten Bücher gelesen, Therapien gemacht, Gespräche geführt und oft unzählige Stunden damit verbracht, nach Antworten zu suchen. Trotzdem blieb das Gefühl, nicht wirklich frei zu sein.
Manchmal saß mir jemand gegenüber und sagte: „Ich weiß doch, dass es vorbei ist.“ Und während diese Worte ausgesprochen wurden, konnte man gleichzeitig sehen, dass der Körper etwas anderes erzählte. Die Schultern waren angespannt, die Hände unruhig, die Atmung flach. Der Verstand hatte verstanden. Das Nervensystem offenbar noch nicht.
Ich glaube, genau deshalb hat mich EMDR von Anfang an so fasziniert. Nicht, weil es eine moderne Methode ist oder weil Studien ihre Wirksamkeit belegen. Sondern weil ich immer wieder erleben durfte, was passiert, wenn Menschen nicht länger versuchen müssen, ihre Gefühle wegzudenken, sondern ihr Nervensystem endlich die Möglichkeit bekommt, etwas zu verarbeiten, das vielleicht viele Jahre festgehalten wurde.
Oft sind es gar nicht die großen Veränderungen, die mich dabei berühren. Es sind die kleinen Momente. Wenn jemand plötzlich innehält und sagt: „Komisch, eben war das Bild noch so präsent und jetzt fühlt es sich weiter weg an.“ Oder wenn Menschen nach langer Zeit zum ersten Mal über etwas sprechen können, ohne dass sofort Tränen kommen oder sich ihr ganzer Körper anspannt. Für Außenstehende mögen das Kleinigkeiten sein. Für den Betroffenen selbst kann es sich anfühlen, als würde nach Jahren endlich etwas leichter werden.
Besonders häufig erlebe ich das bei Menschen, die lange in toxischen Beziehungen gelebt haben. Viele haben über Jahre gelernt, ihren eigenen Gefühlen nicht mehr zu vertrauen. Sie haben sich angepasst, Verständnis gehabt, gehofft, entschuldigt und immer wieder geglaubt, wenn sie sich nur genug Mühe geben würden, würde sich irgendwann alles verändern. Irgendwann verlieren viele dabei jedoch etwas sehr Wertvolles: die Verbindung zu sich selbst.
Wenn ich dann miterleben darf, wie diese Verbindung langsam zurückkehrt, ist das für mich jedes Mal etwas Besonderes. Nicht selten sind es ganz unscheinbare Dinge. Jemand sagt plötzlich klar, was er möchte. Jemand trifft eine Entscheidung, die vorher undenkbar gewesen wäre. Jemand lacht wieder aus vollem Herzen. Es sind diese Momente, in denen ich sehe, dass Heilung oft viel leiser geschieht, als wir erwarten.
Deshalb bedeutet EMDR für mich nicht, Erinnerungen zu löschen oder die Vergangenheit ungeschehen zu machen. Unsere Geschichte gehört zu uns. Aber sie sollte nicht darüber entscheiden, wie wir jeden einzelnen Tag unseres Lebens fühlen. Für mich geht es darum, dass Erinnerungen Erinnerungen werden dürfen und nicht immer wieder zu einer Erfahrung, die wir erneut durchleben müssen.
Vielleicht ist das der Grund, warum mich diese Arbeit nach all den Jahren noch immer berührt. Weil ich immer wieder sehe, dass Menschen viel stärker sind, als sie selbst glauben. Und weil ich immer wieder erleben darf, dass selbst nach schweren Verletzungen, nach Verlusten, Traumata oder toxischen Beziehungen etwas zurückkehren kann, das viele längst verloren glaubten: Vertrauen. Vertrauen in sich selbst. Vertrauen ins Leben. Und die leise Gewissheit, dass die Vergangenheit nicht das letzte Wort haben muss.



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